»Ein kantiger

Vordenker.«


Berliner Morgenpost


EKD-Ratsvorsitzender: Ein Buch über Grundwahrheiten des Glaubens

Wir brauchen Bücher wie dieses, die den Menschen Grundwahrheiten des Glaubens da neu aufzuschließen vermögen, wo sie zu verschwimmen drohen.

 

Vorwort von Heinrich Bedford-Strohm, Vorsitzender des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, zur Neuauflage von Wolfgang Hubers Buch „Darauf vertraue ich - Grundworte des christlichen Glaubens“

Dieses Buch sticht heraus – durch seinen Autor und durch seinen Inhalt. Der Autor ist einer der führenden öffentlichen intellektuellen Deutschlands, seine Publikationsliste umfasst unzählige Bücher und Aufsätze. Er ist gefragter Gast bei Kongressen, Podien, in Talkshows auch weit jenseits kirchlicher Kontexte. Und er ist ein gesuchter Gesprächspartner für die Politik. Nicht ohne Grund versuchte man ihn für eine Kandidatur für das Amt des Bundespräsidenten zu gewinnen. Wenn man wissen will, was den Menschen trägt, der in Person und Inhalt solch hohe öffentliche Aufmerksamkeit findet, dann wird man natürlich fündig werden in seiner Biografie und seinem langjährigen erfolgreichen Wirken als Landesbischof der Evangelischen Kirche von Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz und als Ratsvorsitzender der Evangelischen Kirche in Deutschland. Man wird aber vielleicht noch genauer verstehen, was ihn trägt, wenn man dieses Buch liest. Es ist ein sehr persönliches Buch. In eindrucksvoller und bewegender Weise erzählt Wolfgang Huber, warum ihm die Grundworte des Glaubens, über die er schreibt, so wichtig sind. Den Psalm 23 – so schreibt er – haben sie gebetet, als die Mutter im Sterben lag, und ebenso in den letzten Stunden mit der Schwiegermutter. „Wenn ich Worte für das Vertrauen suche, das mich trägt“, so sein sehr persönliches Bekenntnis – „dann verwende ich sehr oft Worte dieses Psalms.“

cover darauf vertraue ichEs ist ein glückliches Zusammentreffen, dass es mit dem 75. Geburtstag des Autors und dem Reformationsjubiläumsjahr 2017 gleich zwei Anlässe gibt, dieses Buch neu aufzulegen. Ein dritter Anlass ist zeitlos: Wir brauchen Bücher wie dieses, die den Menschen Grundwahrheiten des Glaubens da neu aufzuschließen vermögen, wo sie zu verschwimmen drohen. Man kann heute nicht mehr selbstverständlich davon ausgehen, dass diese Glaubenswahrheiten in ihrem inhaltlichen Gehalt allgemein bekannt sind. Gleichzeitig ist spürbar, dass Menschen genau solche tragfähigen Grundlagen für ihr Leben suchen.

So deute ich jedenfalls das große Interesse, das die Aktivitäten zum Reformationsjubiläum und die Person Martin Luthers mit ihren inhaltlichen Impulsen gefunden haben. Es ist nicht zuletzt durch zwei unerwartete Verkaufserfolge deutlich geworden, die mich in den Wochen vor Weihnachten besonders gefreut haben. Der eine scheint zunächst ganz banal: die Playmobil-Figur Martin Luther, die alle Rekorde gebrochen hat. In einer Auflage von 34 000 Stück war sie ursprünglich produziert worden. 72 Stunden nach dem Verkaufsstart im Februar letzten Jahres war sie vergriffen. Inzwischen ist sie vielfach nachproduziert und rund eine halbe Million Mal verkauft worden. Dass der Reformator ein solcher Bestseller werden würde, hat niemand erwartet. Umso erfreulicher ist der Verkaufserfolg, wie auch die Botschaft, die damit transportiert wird. Martin Luther steht für die Freiheit eines Christenmenschen. Er steht für Orientierung. Er steht für ein Leben in der Zuversicht des Glaubens. Das alles schwingt auch mit, wenn er als Playmobil-Figur verschenkt wird. Die Leute spüren, dass hinter der Luther-Figur mehr steht, als das bei Darth Vader oder Spider-Man der Fall ist.

Das gilt auch für den zweiten Bestseller. Am 30. Oktober 2016 haben wir ihn in einem Fernsehgottesdienst in Eisenach der Öffentlichkeit vorgestellt und symbolisch den Gemeinden übergeben: die Jubiläumsausgabe der neuen Lutherbibel 2017. Innerhalb weniger Wochen war sie ausverkauft. Die Deutsche Bibelgesellschaft beeilte sich, 100 000 Exemplare nachdrucken zu lassen. Warum hatte man die Nachfrage so unterschätzt? Die Bibelgesellschaft hatte im Vorfeld bei der Entscheidung über die Höhe der Startauflage bei den Buchhändlern nachgefragt, wie sie die Verkaufserwartungen einschätzten. Eigentlich eine gute Idee. Die Buchhändler kennen ihre Kunden. Doch in diesem Fall haben sie sich gründlich geirrt. Selten habe ich mich über einen Irrtum so gefreut. Denn er zeigt, wie sehr wir die Kraft unserer Traditionsquellen manchmal selbst unterschätzen. 90 000 neue Bücher erscheinen jedes Jahr in Deutschland – und trotzdem lesen viele Menschen die alten und gleichzeitig so hochaktuellen Texte der Bibel. Im Reformationsjubiläumsjahr kann man mit der neuen Lutherbibel diese Texte neu entdecken, sich von ihrer Kraft überraschen lassen.

Deswegen hat Wolfgang Huber auch eine gute Entscheidung getroffen, als er bei der Auswahl der Grundworte des Glaubens für dieses Buch neun von insgesamt fünfzehn Texten aus der Bibel wählte. Und auch die Liedtexte und Glaubensbekenntnisartikel einschließlich ihrer Erklärung durch Martin Luther gründen ja in der biblischen Überlieferung. Dieses Buch hat auch heute, sechs Jahre nach seinem ersten Erscheinen, nichts von seiner Aktualität eingebüßt. Immer wieder stellt sich das Gefühl ein, dass diese klärenden und orientierenden Worte jetzt in der aktuellen Situation gebraucht werden. Über die Rede von einer »christlichen Leitkultur« und die neue Berufung auf das »christliche Abendland« spricht Huber schon in der Einleitung. Solche Formeln, so fügt er dann hinzu, klingen so, als sollte eine gute alte Zeit beschworen werden. Und bekräftigt dann: »Glaube ist mehr als ein kulturelles Erbe. Lebendig ist er nur, wenn er zur Lebenskraft wird und die persönliche Haltung prägt«.

Genau darum geht es heute: die Neuentdeckung des christlichen Glaubens anstatt der Beschwörung eines vermeintlich homogenen Kulturzusammenhangs. Das Christliche in unserer Kultur lebt ja davon, dass es Menschen gibt, die aus der Kraft des Glaubens leben und damit diesen Glauben lebendig halten. Wäre es nicht so, müsste das Christliche in unserer Kultur von einer Substanz leben, die irgendwann aufgebraucht wäre. Und das Christliche in unserer Kultur impliziert notwendigerweise eine permanente kritische Selbstprüfung dieser Kultur. Eine der größten Stärken der christlichen Tradition ist ihre eingebaute Fähigkeit zur Selbstdistanz. Der Begriff der »Buße« und seine zentrale Bedeutung für die christliche Tradition ist der deutlichste Ausdruck davon. Deswegen ist es auch gut, dass der Buß- und Bettag in den Jahren seit seiner Abschaffung als gesetzlicher Feiertag eher an Bedeutung gewonnen hat und es starke Stimmen gibt, die seine Wiedereinführung fordern. Er steht dafür, dass ein Land nicht triumphalistisch eine »christlich-abendländische Kultur« vor sich herträgt, sondern innehält und sich selbstkritisch prüft, ob die christlichen Grundorientierungen eigentlich noch Prägekraft für das konkrete Handeln in diesem Land haben.

Im Hinblick auf die Grundlagen für diese kritische Selbstprüfung sind die in diesem Buch aufgeschlossenen Grundworte des Glaubens eine wahre Schatzkammer. Wenn Wolfgang Huber etwa die Bergpredigt vorstellt und reflektierend erläutert, stellt er das unter die treffende Überschrift »Herausfordernd für den Einzelnen und für die Gesellschaft«. Er wehrt sich gegen die immer wieder verbreitete Auffassung, dass die Bergpredigt es nicht mit der Ordnung des Staatslebens, sondern allein mit der Gesinnung der Christen zu tun habe. Huber steht mit diesem Einspruch gegen die Aufteilung der Welt in ein persönliches Christentum, in dem die Bergpredigt Orientierung zu geben vermag, und den Raum von Politik und Wirtschaft, in dem eigene Gesetze gelten, in einer Tradition, die schon Dietrich Bonhoeffer überzeugend zum Ausdruck gebracht hat.

Von Bonhoeffer stammt im Übrigen auch ein Grundtext des Glaubens, eine Vision der Kirche von morgen, den Huber für dieses Buch ausgewählt hat. In seiner an anderer Stelle zum Ausdruck gebrachten Kritik an einer falsch verstandenen lutherischen »Zwei-Reiche-Lehre« macht Bonhoeffer deutlich, dass Christus der Herr über die gesamte Wirklichkeit ist und das Handeln der Menschen im persönlichen und im politischen Bereich zwar eine je eigene Gestalt haben muss, aber immer als Ausdruck der in Christus versöhnten Wirklichkeit zu sehen ist.

Wolfgang Huber ist zu einem maßgeblichen Vertreter einer »Öffentlichen Theologie« geworden, die sich der Aufgabe widmet, die Grundüberzeugungen des christlichen Glaubens so in den öffentlichen Raum einzubringen, dass sein theologisches Profil authentisch zum Ausdruck kommt und gleichzeitig seine Plausibilität für den öffentlichen Diskurs einer religiös und weltanschaulich zunehmend pluralistischen Gesellschaft deutlich gemacht werden kann.

Für dieses Unternehmen spielt der Begriff der »Freiheit« eine besondere Rolle. Wer das vorliegende Buch genau liest, wird merken, dass sich das Plädoyer für ein bestimmtes Verständnis von Freiheit wie ein cantus firmus durch den gesamten Text zieht. Wie zentral das für Hubers gesamtes Denken ist, hat etwa der südafrikanische Theologe Willem Fourie gezeigt, der seine Dissertation über Hubers Werk unter den Titel »Communicative Freedom. Wolfgang Huber’s Theological Proposal« gestellt hat. Um »kommunikative Freiheit« geht es Huber, um ein Verständnis von Freiheit also, das Freiheit nicht zuerst als Abgrenzung von den Anderen, von der Gemeinschaft insgesamt, versteht, sondern als Triebkraft zum Engagement für die Anderen und die Gemeinschaft.

Zwei der Grundtexte des Glaubens, die für die Entwicklung von Hubers Denken in dieser Hinsicht besondereBedeutung gewonnen haben, haben auch ihren Platz in diesem Buch: Martin Luthers Schrift »Von der Freiheit eines Christenmenschen« von 1520 und die Barmer Theologische Erklärung von 1934, in der sich die Bekennende Kirche in der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus zusammengefunden hat und die seitdem bei Kirchen in der ganze Welt Eingang in die Bekenntnistraditionen gefunden hat. »Mich hat an dieser Erklärung immer der Ton der Freiheit beindruckt«, sagt Huber.

Das Gleiche gilt für die Freiheitsschrift Luthers. Leitsätze sind für Huber die beiden Thesen zu Beginn: Ein Christenmensch ist ein freier Herr aller Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan. Der erste Teil drückt sich heute aus in dem, was wir Zivilcourage nennen. Menschen stehen zu dem, wovon sie überzeugt sind. Menschen folgen ihrem Gewissen auch dann, wenn die Autoritäten vielleicht etwas anderes sagen. Ganz dem Gewissen zu folgen, weil wir wissen, dass wir am Ende nur Gott selbst verantwortlich sind – das ist innere Freiheit. Und der zweite Teil macht deutlich, dass Freiheit nie wirklich Freiheit sein kann, wenn sie nicht gleichzeitig Dienst am Nächsten ist. Martin Luther hat das in einem Zitat zum Ausdruck gebracht, welches zu meinen persönlichen Lieblingszitaten gehört: »Sieh, so fließt aus dem Glauben die Liebe und die Lust zu Gott. Und aus der Liebe ein freies, fröhliches, williges Leben, dem Nächsten umsonst zu dienen. Denn so, wie unser Nächster Not leidet und unseres Überflusses bedarf, so haben ja auch wir Not gelitten und seiner Gnade bedurft. Darum sollen wir so, wie uns Gott durch Christus umsonst geholfen hat durch seinen Leib und seine Werke, nichts anderes tun, als dem Nächsten zu helfen.«

Die Lust zu Gott ist es, die uns zum Nächsten hin drängt. Die Liebe, die wir von Gott in unser Herz hinein erfahren, ist es, die überflie.t und gar nicht anders kann, als sich in ihrem Wirken dem Nächsten gegenüber zu äußern. Das, was in diesem Freiheitsverständnis drinsteckt, das haben wir nun gerade in Deutschland 2015 und danach eindrucksvoll erlebt. Die Hilfsbereitschaft für Flüchtlinge in unserem Land hat deswegen etwas Historisches, weil sie gezeigt hat, welche empathische Kraft in unserem Land steckt. Sie war und ist fast so etwas wie ein Kommentar mitten aus dem Leben zur Freiheitsschrift Martin Luthers. Wenn Wolfgang Huber in diesem Buch für Dankbarkeit wirbt angesichts der Gaben, die wir nicht uns selbst verdanken, sondern Gott, wenn er von daher für einen Gebrauch unserer Freiheit wirbt, der von einem verantwortlichen Umgang mit diesen Gaben geprägt ist, dann meint er genau den Zusammenhang zwischen eigener Segenserfahrung und tätiger Weitergabe dieses Segens, der für Luthers Ethik so zentrale Bedeutung hat und der in der Motivation vieler Menschen bei der Flüchtlingshilfe so wirksam geworden ist.

Auch die Zehn Gebote stellt Huber in diesen Kontext. Sie sind für ihn nicht moralistische Ermahnungen oder aufgezwungene Gesetze, die es zu befolgen gilt, sondern – so der Titel des entsprechenden Kapitels – »Wegweiser der Freiheit«. Sie helfen uns heute wie damals dabei, die uns anvertraute Freiheit zu bewahren.

Diese wenigen Hinweise auf das, was in diesem Buch inhaltlich näher entfaltet wird, haben hoffentlich neugierig gemacht. Wer wissen möchte, was die jahrtausendealte christliche Botschaft mit heute zu tun hat und wer ihren Inhalt nicht nur mit dem Kopf, sondern auch mit dem Herzen verstehen möchte, der wird in diesem Buch fündig werden.

Dass es zum 75. Geburtstag des Autors neu aufgelegt wird, freut mich vor allem aus zwei Gründen. Zum einen, weil es so genau das trifft, was wir heute brauchen: Quellen, die helfen, den christlichen Glauben in seiner faszinierenden Tiefe, Lebensnähe und Orientierungskraft neu zu entdecken. Zum anderen, weil es einen Geist ausstrahlt, der viel von dem Menschen verrät, der es geschrieben hat: ein Geist der Freiheit, in dem sich menschliche Zugewandtheit, intellektuelle Brillanz und persönliche Glaubensfreude in einzigartiger Weise verbinden. Dafür sage ich Dank. Ich danke für den Segen, der von dem Leben des nun 75-Jährigen für so viele Menschen ausgeht, für die Kirche, für die Welt und für viele einzelne Menschen ganz persönlich. Auch das vorliegende Buch ist ein Ausdruck dieses Segens. Mögen viele daraus schöpfen.

Heinrich Bedford-Strohm

April 2017

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