Corona-Krise gibt auch Anlass zu Hoffnung

Predigt von Wolfgang Huber im ZDF-Fernsehgottesdienst aus Ingelheim am Rhein, 26. April 2920:

Wir sind nicht die ersten, die eine schwere, herausfordernde Zeit durchleben. Von manchen wird die Krise, durch die wir in diesen Wochen gehen, sogar mit dem Zweiten Weltkrieg verglichen. Doch dieser Krieg war keine Pandemie. Er ging nicht auf ein Virus zurück, sondern auf menschliche Schuld. Von Deutschland ging er aus und mündete in den größten Völkermord des 20. Jahrhunderts.

Eine der stärksten Deutungen der damaligen Erfahrungen stammt von Dietrich Bonhoeffer, dem Theologen und Widerstandskämpfer, der im April 1945, als die Niederlage Deutschlands bereits besiegelt war, auf persönliches Geheiß Adolf Hitlers ermordet wurde – ein Justizmord nach einem standgerichtlichen Verfahren, das allen Vorstellungen von Recht und Gerechtigkeit Hohn sprach.

Dietrich Bonhoeffers Glaubenssätze

Das geschah vor 75 Jahren, am 9. April 1945. Schon mehr als zwei Jahre zuvor hatte Dietrich Bonhoeffer für einen kleinen Kreis von vertrauten Freunden, Gefährten im Widerstand gegen das Hitler-Regime Gedanken zur eigenen Gegenwart aufgeschrieben. Dass die Nazi-Diktatur bereits zehn Jahre anhielt, veranlasste ihn zu seinen Überlegungen. Eine dieser knappen Reflexionen enthält, was man später „Dietrich Bonhoeffers Glaubensbekenntnis“ nannte. Er selbst sprach zurückhaltender von „Einigen Glaubenssätzen über das Walten Gottes in der Geschichte“:

Ich glaube, dass Gott aus allem auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.

Ich glaube, dass Gott uns in jeder Notlage so viel Widerstandskraft geben will, wie wir brauchen. Aber er gibt sie nicht im Voraus, damit wir uns nicht auf uns selbst, sondern allein auf ihn verlassen. in solchem Glauben müsste alle Angst vor der Zukunft überwunden sein.

Ich glaube, dass auch unsere Fehler und Irrtümer nicht vergeblich sind, und dass es Gott nicht schwerer ist, mit ihnen fertig zu werden, als mit unseren vermeintlichen Guttaten.

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet.

Die Pandemie ist kein göttliches Strafgericht

„Ich glaube, dass Gott aus allem, auch aus dem Bösesten, Gutes entstehen lassen kann und will. Dafür braucht er Menschen, die sich alle Dinge zum Besten dienen lassen.“ Hat es Sie auch durchzuckt, als Sie diese Worte hörten, mit denen Dietrich Bonhoeffers Glaubensbekenntnis beginnt? Soll damit dem Bösen ein Sinn unterstellt werden, gar noch ein guter? Soll es um eines höheren Zwecks willen gerechtfertigt werden?

Nein, darum kann es nicht gehen. Wer einen Krieg, einen Völkermord oder eine Pandemie als göttliches Strafgericht deutet, vergeht sich gegen Gottes Ehre und zugleich gegen den Auftrag, der uns Menschen gegeben ist. Gott will, dass menschliches Leben geachtet und geschützt wird. Er ist nicht der Urheber der großen Menschheitskatastrophen. Sie entstehen aus Kräften der Natur oder aus menschlicher Willkür. Gott will, dass wir ändern, was wir ändern können, dass wir hinnehmen, was wir nicht ändern können, und dass wir lernen, das eine vom andern zu unterscheiden. Diese Demut hilft, uns alle Dinge zum Besten dienen zu lassen.

Auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen

Sehr genau erinnere ich mich daran, wann mich diese Demut zum ersten Mal gepackt und durchgeschüttelt hat. Auf einer Eisenbahnreise ergriff mich ein Schüttelfrost, auf den bald hohes Fieber folgte. Ich landete in einem Krankenhaus, das ich noch nie betreten hatte, an einem Ort, den ich bisher nur dem Namen nach kannte. Später erfuhr ich: es stand Spitz auf Knopf. Wie gefährdet ich war, hörte ich erst, als es mir wieder besser ging. Dass ich mein Leben nicht selbst in der Hand habe, wurde mir in die Seele eingebrannt. Nun verstand ich, was mein Leben wirklich trägt: Dankbarkeit und Demut – aus Gottes Gnade bin ich, was ich bin, jeden Tag aufs Neue.

Auch aus dem Bösesten Gutes entstehen lassen: Ein guter Freund hat mir das eindringlich geschildert. Er leidet an einer unheilbaren Krankheit, die seine Bewegungsmöglichkeiten einschränkt. Was uns allen derzeit auferlegt ist, prägt auf andere Weise sein Leben schon seit vielen Jahren. Nüchtern beschreibt er seine Lage: „Sicher schränkt meine Krankheit meine Bewegungsfreiheit ein. Und man macht nicht nur gute Erfahrungen: mein Gangbild ist mitunter derart überraschend, dass besorgte Bürger sogar schon die Polizei riefen. Aber habe ich nicht viele neue Erfahrungen der Zuneigung gemacht? Meine Empfindsamkeit hat zugenommen. Leiden schafft eben Leidenschaft.“ Am eigenen Leib spürt er, wie das Dunkle und Schwere sein Leben verändert. Das ist nicht nur eine große Last. Sondern er empfindet tiefer und genauer, wofür er dankbar ist. Vor allem für das Leben und die Liebe.

Es gibt einen biblischen Zeugen für diese Dankbarkeit, der ähnlich gelitten hat wie mein Freund. Der Apostel Paulus berichtet in seinem Briefwechsel mit der christlichen Gemeinde in der griechischen Hafenstadt Korinth davon, was ihn plagt. Es sind nicht nur die Anfeindungen, denen er als Zeuge Jesu Christi und Anwalt des christlichen Glaubens ausgesetzt ist. Es sind nicht nur die Zeiten der Gefangenschaft, die er erdulden muss, nicht nur der Hohn, dem er sich ausgesetzt sieht. Es ist vor allem eine Krankheit, die ihn quält. Er beschreibt sie nicht genauer. Er nennt sie einen „Pfahl im Fleisch“, so heftig setzt sie ihm zu. Ein Schmerz, der nicht vergeht, eine Behinderung, über die er nicht hinwegkommt. Ein Begleiter, der ihn Tag und Nacht nicht loslässt. Darüber berichtet Paulus seinen Mitchristen in Korinth Folgendes:

Apostel Paulus: "Wenn ich schwach bin, so bin ich stark"

Dreimal habe ich zum Herrn gefleht, dass dieser Pfahl im Fleisch von mir weiche. Und er hat zu mir gesagt: Lass dir an meiner Gnade genügen; denn meine Kraft ist in den Schwachen mächtig. Darum will ich mich am allerliebsten rühmen meiner Schwachheit, auf dass die Kraft Christi bei mir wohne. Darum bin ich guten Mutes in Schwachheit, in Misshandlungen, in Nöten, in Verfolgungen und Ängsten um Christi willen; denn wenn ich schwach bin, so bin ich stark. (2. Korinther 12, 8-10)

Da nimmt einer seine Grenzen an und begegnet darin Gott. Da vertraut er auf Christus, der selbst unsere Schwäche auf sich nahm, ja noch überbot durch den Tod am Kreuz. Jesu Solidarität mit den Leidenden ist die Kraft, die er gerade dann spürt, wenn er an Grenzen stößt. Er kapituliert nicht; denn in seiner Schwäche hat er Anteil an Gottes Gnade.

Wenn ich schwach bin, so bin ich stark. So verstandene Demut hat nichts Niedergedrücktes. Kein gebeugtes Haupt, kein kriecherisches Gehabe. Der Demütige beugt sich nur vor Gott, sonst vor keiner Macht in der Welt. Er beugt sich allenfalls für den Mitmenschen, den er aufrichten will. Zu dieser Demut gehört dreierlei: Gott allein die Ehre zu geben, den Mitmenschen zur Seite zu stehen – und der aufrechte Gang.

Ich weiß: eine solche Haltung gilt als unmodern, als uncool. Zum Lebensgefühl der Moderne gehört die Vorstellung, wir Menschen hätten unser Leben in der Hand, seien selbst unseres Glückes Schmied, könnten die verbliebenen Geheimnisse unserer Existenz mit den Mitteln unserer Vernunft, wenn nötig unter Zuhilfenahme von Künstlicher Intelligenz ergründen. Wir schicken Raketen ins Weltall und halten uns für Meister des Universums. Von der Erde denken wir sowieso, sie sei in Menschenhand am besten aufgehoben.

Aber wir sind keineswegs allein auf der Welt. Wir teilen unsere Lebenswelt mit anderen Lebewesen. Manche bestaunen wir im Zoo, manche halten wir im Haus, manche ärgern uns und wir suchen sie zu vertreiben. Doch wir teilen unsere Lebenswelt auch mit Lebewesen, die wir nicht sehen und die doch von einem unbändigen Überlebensdrang sind, mit Parasiten, die uns unbemerkt auf den Pelz rücken und gefährlich werden, unsichtbar und mächtig zugleich. Viren sind solche Parasiten, die sich vermehren und überleben wollen.

Wir haben die Zukunft noch längst nicht im Griff

Mit der überlieferten Vorstellung, Gott habe wie ein großer Regisseur das Welttheater so eingerichtet, dass die Vorstellung unfallfrei zu einem guten Ende kommt, sind solche Erfahrungen nicht zu vereinbaren. Aber wenn wir diese Gottesvorstellung auf uns Menschen übertragen und uns selbst als solche Regisseure verstehen, wird es nicht besser – im Gegenteil. Auch wenn die Reichweite unserer wissenschaftlichen und technischen Möglichkeiten wächst, haben wir damit die Zukunft noch längst nicht im Griff. Wir müssen erneut begreifen, dass sie unverfügbar ist – und unter dieser Voraussetzung versuchen, mit ihr verantwortlich umzugehen, ja nach unseren beschränkten Kräften das Beste aus ihr zu machen.

Gott hat die Welt gut geschaffen, so gut, dass sie Leben hervorbringt. Aber sie ist nicht perfekt; dann wäre sie ja abgeschlossen, es gäbe keine Zukunft mehr. Nicht nur am Anfang der Schöpfung wird das Chaos überwunden. Das ist vielmehr ein andauernder Prozess. Wir erfahren das gerade an Mutationen von Viren, die dadurch lebensgefährlich, ja lebenszerstörend werden – und das auf dem ganzen Globus. Solche Viren sind ein Pfahl im Fleisch. Wir sind dankbar, wenn ein Mittel dagegen gefunden wird. Aber bis dahin müssen wir alles tun, was uns möglich ist, um ihre Macht in Grenzen zu halten. Dazu müssen wir ihrem aufdringlichen Vermehrungswillen Verantwortung und Vernunft entgegensetzen. Und das mit Augenmaß für die sozialen Folgen. Wir kämpfen, aber mit Solidarität – für kleine Kinder und ihre Familien, die wir nicht überfordern wollen, für Arbeitslose und Selbständige, die auf Unterstützung angewiesen sind, für Kranke und Alte, die nicht in Einsamkeit versinken sollen, für Sterbende, die nicht ohne Trost bleiben dürfen. Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig; auch in der Corona-Krise darf niemand ohne Hilfe bleiben.

In unserer Schwäche suchen und finden wir Gnade

Über die Erlebnisse dieser Wochen hinaus werden wir nicht wieder vergessen, dass wir verletzliche Wesen sind. Wir werden unsere Schwäche nicht mehr ignorieren. In ihr, nicht an ihr vorbei suchen und finden wir Gnade. Wir werden nicht mehr vergessen, dass wir Leben sind inmitten von Leben, das leben will. Schon vor einhundert Jahren hat Albert Schweitzer diese Einsicht formuliert, die uns heute die Tage schwer und anstrengend macht. Der Arzt von Lambarene wusste, wovon er sprach. Wir erfahren es aufs Neue. Plötzlich fangen wir an, es zu begreifen. Wir sind nicht allein auf der Welt. Wir teilen sie mit anderen Menschen. Unser Egoismus ist deshalb eine gefährliche Illusion. Und wir teilen sie mit anderen Lebewesen. Das macht uns demütig; aus dieser Demut wächst neue Kraft: das Ja zum Leben und die Bereitschaft zur Liebe.

Gott hat die Welt gut geschaffen, so gut, dass sie Leben hervorbringt, vergänglich und kostbar zugleich, endlich und umkämpft. Und er hat sie so gut geschaffen, dass die Liebe in ihr Raum hat. Aber die Liebe versteht sich nicht von selbst. Sie braucht starke Vorbilder, das Vorbild Jesu vor allen anderen, der um der Liebe willen sein Leben gab. Auch heute geben Menschen ihr Äußerstes, in Krankenhäusern und Heimen, in Familien und Supermärkten, in der Politik.

Berechtigtes Drängen auf Rückkehr zur Freiheit

Deshalb wachsen in dieser Krise nicht nur Sorge und Ungeduld, ein berechtigtes Drängen auch auf Rückkehr zur Freiheit. Es wächst nicht nur für viele die Mühe eines Alltags, die, je länger sie dauert, desto schwerer zu bewältigen ist. Es wächst auch die Hoffnung. Menschen singen von den Balkonen. Sie nehmen einander wahr, trotz des Abstands, der sie voneinander trennt. Sie sorgen sich umeinander, ja sie beten füreinander. Wir erleben ein Jahr, in dem vielleicht zum ersten Mal der Ausstoß von Kohlendioxid zurückgeht und die größten Industriegebiete der Welt auf den Satellitenbildern nicht mehr unter einer Smogdecke verborgen sind. Wir sehen einen Himmel, an dem ein Kondensstreifen Seltenheitswert hat. In unserer Schwachheit wartet eine Kraft auf uns: Wir können anders leben.

Wir können unsere Vernunft und unsere Autonomie demütig einsetzen und dadurch in Zukunft manchen Fehler vermeiden. Unverfügbar bleibt die Zukunft gleichwohl. Wir haben sie nicht im Griff, sie liegt in Gottes Hand. Auf seinen Frieden hoffen wir. Denn er ist höher, noch höher als unsere Vernunft. Er bewahre unsere Herzen, unsere Gedanken und unser Tun in Christus Jesus, unserem Herrn. Amen.

Zum Mitschnitt des Gottesdiensts in der ZDF-Mediathek

Zur Meldung des epd auf Evangelisch.de

(Die Zwischentitel stammen von der Redaktion.)